← Alle Interviews

Interview · Leichtathletik · Hochsprung

„Ich bin eher auf die Individualität eingegangen als auf das Geschlecht.“

Brigitte Kurschilgen über zwei Olympische Spiele, zwei Achillessehnenrisse, den Weg von der Athletin zur Trainerin, Zykluswissen, medizinische Versorgung und die Frage, warum gutes Coaching sowohl Wissenschaft als auch Intuition benötigt.

Brigitte Kurschilgen, geboren als Brigitte Holzapfel, gehört zu den prägenden Persönlichkeiten des deutschen Hochsprungs. Als Athletin gewann sie 1978 EM-Bronze, sprang mit 1,95 Metern deutschen Rekord und nahm 1976 sowie 1984 an Olympischen Spielen teil. Nach ihrer aktiven Karriere wurde sie Trainerin und begleitete über Jahrzehnte Athletinnen und Athleten vom Nachwuchs bis in die internationale Spitze.

Im Gespräch mit Fabian Denis für fem*med spricht sie über Erfolge und Verletzungen, frühes Krafttraining, die Grenzen pauschaler Geschlechterkategorien und über strukturelle Bedingungen, die sportliche Entwicklung ermöglichen oder erschweren. Dabei wird deutlich: Für Kurschilgen entsteht gutes Training nicht allein aus Daten, Plänen oder biologischen Kategorien. Es entsteht aus genauer Beobachtung, Beziehung, Erfahrung und der Bereitschaft, Verantwortung zu teilen.

„Es gibt so viele Unterschiede innerhalb der Frauengruppe. Deshalb bin ich eher auf die Individualität eingegangen als auf das Geschlecht.“

Ein schneller Aufstieg – und zwei schwere Einschnitte

Fabian DenisWenn du auf deine aktive Karriere zurückblickst: Welche Momente haben dich am stärksten geprägt?

Ich habe vergleichsweise spät mit der Leichtathletik begonnen. Vorher habe ich Judo gemacht, und mein erstes richtiges Wettkampfjahr in der Leichtathletik hatte ich mit 14. Schon wenige Jahre später wurde ich Junioren-Europameisterin im Mehrkampf und nahm mit 18 Jahren erstmals an Olympischen Spielen teil. Das ging alles sehr schnell.

1978 sprang ich 1,95 Meter, stellte einen deutschen Rekord auf und gewann bei den Europameisterschaften Bronze. Aber meine Karriere bestand nicht nur aus Erfolgen. Ich habe mir nacheinander beide Achillessehnen gerissen. Nach dem ersten Riss war für mich sofort klar, dass ich weitermachen möchte. Nach dem zweiten war das zunächst überhaupt nicht mehr sicher.

Ich habe damals mein Studium abgeschlossen und mich dann noch einmal auf einen Versuch eingelassen. In einem Trainingslager konnten wir fast nur Krafttraining machen. Nach zwei intensiven Wochen war ich überraschend schnell wieder auf einem sehr hohen Leistungsniveau. Knapp ein Jahr nach dem zweiten Achillessehnenriss war ich wieder international konkurrenzfähig und qualifizierte mich für die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles.

Diese zweite Olympiateilnahme hat mich vielleicht stärker geprägt als ein einzelner Medaillenmoment. Die Qualifikation kostete mich sehr viel Energie, und im Finale konnte ich nicht mehr dieselbe Leistung abrufen. Trotzdem war es nach diesem langen Weg ein großer Erfolg. Der Weg ist meistens länger und prägender als der kurze Moment des Glücks.

„Eine Teilnahme oder eine Medaille ist ein kurzer Moment. Der Weg dorthin ist die eigentliche Herausforderung.“

Vom eigenen Sport zur Verantwortung für andere

Fabian DenisWar für dich früh klar, dass du später Trainerin werden möchtest?

Nein. Ich hatte Sport studiert und noch ein zweites Fach belegt, aber eine hauptamtliche Trainerinnenlaufbahn war zunächst nicht mein Ziel. Meine eigenen Trainer waren Bundestrainer, teilweise auf Honorarbasis, und ich wusste nicht, ob ich in diesem System arbeiten wollte.

Rückblickend gab es aber schon früh eine Nähe zum Lehren. Als Kind habe ich mit meinen Stofftieren Schule gespielt. Der Einstieg in die Trainingsarbeit ergab sich später eher aus der Situation. In Wattenscheid wurde ein Teilzeitinternat aufgebaut, und der Verein musste damals ausdrücklich auch Mädchen fördern. Dort begann ich zunächst im Nachwuchs und disziplinübergreifend zu arbeiten.

Nach der Geburt meiner Kinder veränderten sich meine beruflichen Möglichkeiten. Vollzeitige Reisen, Trainingslager und lange Abwesenheiten waren kaum mit Familie zu verbinden. Gleichzeitig konnte ich in einem kleineren Verein einmal pro Woche Hochsprungtraining anbieten und meine Kinder teilweise mit zum Training nehmen. Aus dieser pragmatischen Lösung entwickelte sich Schritt für Schritt meine Laufbahn als Hochsprungtrainerin.

Mit zunehmenden Freiräumen übernahm ich mehr Verantwortung: zuerst für Mädchen im Nachwuchs, später auch für Jungen, Frauen und Männer sowie schließlich für mehrere Kaderbereiche. Dieser Weg zeigt, dass Trainerinnenkarrieren nicht nur von Fachkompetenz abhängen. Sie werden auch durch Familienarbeit, zeitliche Verfügbarkeit, institutionelle Angebote und die Bereitschaft anderer Personen beeinflusst, Verantwortung zu teilen.

Nicht „Frauen gegen Männer“, sondern Unterschiede ernst nehmen

Fabian DenisWelche Unterschiede erlebst du zwischen dem Training von Frauen und Männern?

Ich finde es sehr schwierig, pauschal zu sagen: Frauen reagieren so und Männer reagieren anders. Dafür sind die Unterschiede innerhalb der jeweiligen Gruppen zu groß. Ich habe deutlich mehr Erfahrung mit weiblichen Hochspringerinnen als mit männlichen Athleten. Schon deshalb muss ich mit Generalisierungen vorsichtig sein.

Natürlich gibt es biologische Unterschiede, und ich weiß, dass man Training bei Frauen zyklusbezogen gestalten kann. Im konkreten Alltag kommen aber viele weitere Faktoren hinzu: Verletzungen, Wettkampfplanung, Trainingslager, Studium, Beruf, psychische Belastung, Erholung und die individuelle Reaktion auf bestimmte Inhalte. Bei meinen Athletinnen standen häufig andere Probleme stärker im Vordergrund als die Zyklusphase.

Auch zwei Menschen, die dasselbe Programm absolvieren, können völlig unterschiedlich reagieren. In meiner aktuellen Trainingsgruppe kann eine Athletin bestimmte Belastungen sehr gut verkraften, während ein Athlet nach denselben Inhalten deutlich erschöpfter ist. Das lässt sich nicht allein über das Geschlecht erklären. Entscheidend ist, den Menschen zu beobachten und die Belastung individuell zu steuern.

„Ich finde es interessanter, nach dem Typ und der individuellen Reaktion zu trainieren, als grundsätzlich zu sagen: Frauen müssen so trainieren und Männer so.“

Fabian DenisWelche Rolle spielt der Menstruationszyklus dabei?

Der Zyklus kann ein relevanter Faktor sein, aber er ist nicht automatisch der wichtigste Steuerungsfaktor jeder Trainingswoche. Bei den Athletinnen, die ich über lange Zeit betreut habe, gab es nach meiner Wahrnehmung keine starken zyklusbezogenen Leistungseinbußen, die eine systematische Anpassung zum zentralen Thema gemacht hätten. Andere gesundheitliche oder organisatorische Fragen waren häufig dringlicher.

Das bedeutet nicht, dass Zyklusbeschwerden unwichtig sind. Es bedeutet, dass man individuelle Erfahrungen erfragen und ernst nehmen muss, anstatt ein standardisiertes zyklusorientiertes Modell auf jede Athletin zu übertragen. Eine feministische Trainingswissenschaft sollte den männlichen Standard nicht einfach durch einen neuen vermeintlich einheitlichen „Frauenstandard“ ersetzen.

Wichtig ist außerdem eine Umgebung, in der Menstruation, Beschwerden und gynäkologische Gesundheit ohne Scham thematisiert werden können. In meiner Wahrnehmung ist dieses Thema im Verband erst relativ spät systematischer angekommen. Ich habe es deshalb schon früher in Lehrgängen aufgegriffen und externe Fachpersonen eingeladen.

Krafttraining als frühe Ressource

Fabian DenisWelche Rolle spielte Krafttraining in deiner eigenen Entwicklung?

Ich habe früh mit Krafttraining begonnen. Zunächst waren das einfache Geräte und Stationen, weil wir kaum freie Gewichte hatten. Mit ungefähr 16 Jahren bekam ich die Möglichkeit, bei dem Gewichtheber Rolf Milser Techniktraining zu absolvieren. Dadurch lernte ich Kraftübungen sehr sauber und entwickelte früh eine gute Grundlage.

Mit knapp 18 Jahren machte ich tiefe Kniebeugen mit 95 Kilogramm, und zweimal pro Woche gehörte Krafttraining fest zu meinem Programm. Es fiel mir leichter als viele andere Trainingsinhalte. Später trainierte ich häufig gemeinsam mit Männern. Dadurch orientierte sich meine Vorstellung von Belastung an einem Umfeld, in dem hohe Gewichte selbstverständlich waren.

Rückblickend war das wahrscheinlich ein Vorteil. Gleichzeitig zeigt meine eigene Biografie auch, dass Zugang zu qualifizierter Anleitung und Infrastruktur entscheidend ist. Techniktraining, Krafträume und kompetente Trainerinnen oder Trainer sind keine individuellen Eigenschaften – sie sind Ressourcen, die nicht allen Athlet:innen gleichermaßen zur Verfügung stehen.

Verletzungen sportartspezifisch und nicht monokausal betrachten

Fabian DenisHast du geschlechtsspezifische Unterschiede bei Verletzungen beobachtet?

Im Hochsprung sehe ich vor allem Achillessehnenprobleme, Beschwerden am Sprunggelenk und Rückenprobleme. Das hängt mit dem Kurvenlauf, dem Fußaufsatz, den hohen Scherkräften und der einseitigen Absprungbelastung zusammen. Knieverletzungen erlebe ich im Hochsprung seltener als in Spielsportarten.

Aus meiner eigenen Trainingspraxis kann ich nicht bestätigen, dass Männer oder Frauen bei diesen typischen Hochsprungproblemen grundsätzlich häufiger betroffen sind. Oft spielen individuelle Anatomie, Alter, Belastungsjahre und frühere Verletzungen eine größere Rolle. Man muss außerdem zwischen akuten Verletzungen und Überlastungsschäden unterscheiden.

Beim vorderen Kreuzband gibt es in Sportarten wie Basketball, Fußball oder Handball andere Bewegungsmuster als im Hochsprung: Richtungswechsel, Landungen, Rotationen und häufige ungeplante Situationen. Deshalb sollte man Ergebnisse nicht einfach von einer Sportart auf eine andere übertragen. Auch mögliche Zykluseffekte dürfen nicht isoliert von Technik, Kraft, Spielbelastung, Untergrund und Trainingsumfeld betrachtet werden.

Gutes Coaching: Wissenschaft und Kunst

Fabian DenisWie würdest du deine eigene Trainingsphilosophie beschreiben?

Ich habe einmal einen Vortrag gehört, in dem Trainer in zwei Gruppen eingeteilt wurden: auf der einen Seite Wissenschaft, auf der anderen Seite Kunst. Ich konnte mich in keiner der beiden Kategorien vollständig wiederfinden. Ich brauche beides.

Struktur, Wissen und Planung sind notwendig. Gleichzeitig beobachte ich sehr genau, wie ein Mensch körperlich und emotional auf Belastung reagiert. Ich treffe manche Entscheidungen zunächst aus Erfahrung und Gefühl. Manchmal gebe ich einer Athletin in einer entscheidenden Saisonphase zwei oder drei Tage Pause, obwohl der Plan eigentlich Training vorsieht. Wenn diese Erholung verhindert, dass sie krank wird und eine ganze Woche ausfällt, war sie die bessere Trainingsentscheidung.

Meine Stärke ist wahrscheinlich ein gutes Gespür für meine Athletinnen und Athleten. Das bedeutet nicht, ohne Begründung oder gegen wissenschaftliche Erkenntnisse zu arbeiten. Vielmehr verbindet sich Wissen mit Beziehung und Beobachtung. Im Nachhinein kann man häufig erklären, warum eine Entscheidung funktioniert hat. Im Moment selbst muss eine Trainerin aber manchmal auch mutig genug sein, auf den konkreten Menschen zu reagieren.

„Ich brauche beides: Struktur und Wissenschaft – aber auch Beobachtung, Erfahrung und Gefühl.“

Trainerinnenrollen, Führung und Verantwortung teilen

Fabian DenisBeobachtest du Unterschiede zwischen Trainerinnen und Trainern?

Ich sehe in meinem Umfeld durchaus unterschiedliche Führungsstile. Gleichzeitig gibt es so wenige Frauen in vielen Trainerpositionen, dass ich daraus keine allgemeine Regel ableiten möchte. Einzelne Frauen und Männer passen nicht in die üblichen Zuschreibungen, und ich selbst habe mich in klassischen Listen vermeintlich „männlicher“ Eigenschaften häufiger wiedergefunden als auf der sogenannten weiblichen Seite.

Im Spitzensport braucht man Entscheidungsfähigkeit, Struktur, Klarheit und eine besondere Form von Emotionalität. Das sind keine ausschließlich männlichen Eigenschaften. Meine eigene Arbeit ist sehr emotional und beziehungsorientiert, aber zugleich konsequent und leistungsbezogen.

Ich habe bei einigen Trainerinnen erlebt, dass sie Verantwortung leichter teilen oder rechtzeitig abgeben. Bei manchen männlichen Kollegen war die Identifikation mit dem eigenen Erfolg stärker. Aber auch das ist eine Beobachtung einzelner Personen, keine biologische Wahrheit. Entscheidend ist, ob Führung so gestaltet wird, dass sie Athlet:innen dient und nicht dem Status der Trainerperson.

Medizinische Betreuung: Fortschritt mit Lücken

Fabian DenisWie hat sich die medizinische und physiotherapeutische Betreuung verändert?

Während meiner aktiven Karriere war bei großen Nationalmannschaftsmaßnahmen eine gute physiotherapeutische Betreuung vorhanden. In vielen Trainingslagern waren wir jedoch ohne Physiotherapie und ohne ärztliche Begleitung unterwegs. Weil ich im Sportstudium Massage gelernt hatte, haben wir uns teilweise gegenseitig behandelt. Wir trugen sehr viel Verantwortung selbst, weil das Angebot fehlte.

Heute ist die Betreuung deutlich professioneller. Trotzdem gibt es große Unterschiede zwischen Standorten. An manchen Olympiastützpunkten ist Physiotherapie direkt an die Trainingshalle angebunden. An anderen Orten müssen Athlet:innen weite Wege fahren, Termine organisieren und mit begrenzten Behandlungsansprüchen auskommen. Im Verletzungsfall reichen standardisierte Kontingente häufig nicht aus.

Besonders problematisch wird es, wenn eine Athletin wegen einer längeren Verletzung aus dem Kader fällt. Dann können Sporthilfe, medizinische Zugänge und organisatorische Unterstützung gleichzeitig wegbrechen – genau in einer Phase, in der Unterstützung besonders wichtig wäre. Solche Übergänge sind nicht nur medizinische, sondern auch soziale und finanzielle Risiken.

Fabian DenisWelche Rolle spielt gynäkologische Expertise?

Aus meiner Sicht ist das Thema erst spät stärker in zentrale Maßnahmen integriert worden. Ich hatte schon früher gynäkologische Themen in Fortbildungen und Lehrgängen angeboten. Dabei wurde deutlich, dass es gesundheitliche Fragen gibt, die viele Trainerinnen und Trainer gar nicht kennen.

Eine anwesende Gynäkologin allein löst das Problem aber nicht. Gerade bei jungen Athletinnen spielen Vertrauen, Beziehung und Scham eine große Rolle. Wenn der Leistungssport überwiegend von männlichen Trainern geprägt ist, kann das Gespräch über Menstruation, Schmerzen oder andere intime Themen zusätzlich erschwert werden. Deshalb braucht es nicht nur Fachwissen, sondern ansprechbare Personen und eine Kultur, in der diese Themen selbstverständlich sind.

„Inzwischen sage ich: Es ist alles Geld.“

Fabian DenisWo liegen heute die größten strukturellen Probleme?

An Bundesstützpunkten sind Trainingshallen und Krafträume grundsätzlich gut ausgestattet. Trotzdem fehlen in der Leichtathletik an vielen Stellen Trainerinnen und Trainer, besonders im Hochsprung. Solche Fachpersonen lassen sich nicht innerhalb von zwei Jahren ausbilden. Ich sage häufig: Eine Trainerin oder ein Trainer braucht ungefähr zehn Jahre, um eine eigene Handschrift zu entwickeln.

Auch in der medizinischen Betreuung entscheidet Finanzierung darüber, wie viel Qualität dauerhaft verfügbar ist. Physiotherapeut:innen investieren viel Geld in Ausbildung und Fortbildungen, arbeiten aber oft unter engem Zeitdruck und für geringe Vergütung. Für Trainingslager werden hohe fachliche Anforderungen gestellt, ohne dass die Bezahlung immer dazu passt.

Lange habe ich geglaubt, man könne fehlende Mittel durch Engagement kompensieren. Vieles lässt sich tatsächlich durch persönliche Beziehungen, Improvisation und zusätzliche Arbeit auffangen. Aber irgendwann stößt Engagement an Grenzen. Gute Strukturen brauchen verlässlich finanzierte Stellen, erreichbare medizinische Angebote und eine langfristige Personalentwicklung.

„Ich habe sehr lange gesagt, dass Geld nicht alles ist, weil ich viel durch Engagement kompensieren konnte. Inzwischen sage ich: Es ist alles Geld.“

Sichtbarkeit, Körperbewertung und soziale Medien

Fabian DenisWie hat sich die gesellschaftliche Wahrnehmung von Frauen im Sport verändert?

In meiner aktiven Zeit gab es offen sexistische Bemerkungen. Bei einem Meeting wurde beispielsweise darüber gesprochen, Hochspringerinnen so zu platzieren, dass das Publikum „etwas Nettes zu sehen“ habe. Solche Aussagen zeigen, wie selbstverständlich sportliche Leistung mit der Bewertung weiblicher Körper verbunden wurde.

Heute bieten soziale Medien Athletinnen mehr Möglichkeiten, selbst sichtbar zu werden, eigene Themen zu setzen und unabhängiger von klassischen Medien Öffentlichkeit herzustellen. Gleichzeitig entstehen neue Abhängigkeiten: Ausrüster erwarten regelmäßige Inhalte, Reichweite wird zu einer wirtschaftlichen Ressource, und Kommentare beziehen sich bei Frauen häufig stark auf das Aussehen.

Diese Dynamik ist komplex. Athletinnen entscheiden selbst, wie sie sich darstellen. Diese Entscheidung rechtfertigt jedoch keine sexualisierenden oder abwertenden Reaktionen. Entscheidend sollte sein, dass sportliche Leistung, Persönlichkeit und gesellschaftliches Engagement nicht durch eine permanente Bewertung des Körpers verdrängt werden.

Intersektionale Anschlussstellen: Geschlecht ist nie der einzige Faktor

Fabian DenisWas lehrt deine Biografie über eine intersektionale Betrachtung des Sports?

Mein Weg wurde nicht nur durch mein Geschlecht geprägt. Verletzungen, Krankheit, Mutterschaft, Berufstätigkeit, finanzielle Strukturen und das Alter meiner Kinder haben beeinflusst, welche Aufgaben ich übernehmen konnte. Mit zunehmenden Freiräumen wuchs auch meine Verantwortung im Verband.

Das ist für mich ein wichtiger Punkt: Menschen beginnen nicht unter identischen Bedingungen. Eine gute Sportstruktur muss deshalb unterschiedliche Lebenslagen mitdenken. Wer Betreuung leisten, zu Trainingslagern reisen, unbezahlt zusätzliche Arbeit übernehmen oder lange Ausbildungswege finanzieren kann, hängt auch von sozialen Ressourcen ab.

Intersektional zu denken bedeutet in diesem Interview vor allem, Geschlecht mit Generation, Sorgearbeit, Gesundheit, beruflicher Absicherung und institutionellem Zugang zusammenzudenken. Andere Dimensionen wie Rassismus werden in diesem Gespräch nicht vertieft und sollten durch weitere Perspektiven in der Interviewreihe ergänzt werden.

Was von fünf Jahrzehnten Hochsprung bleibt

Brigitte Kurschilgens Geschichte ist keine lineare Erfolgserzählung. Sie handelt von frühen Erfolgen und schweren Verletzungen, von einem unerwarteten Einstieg in die Trainingsarbeit, von Familie und begrenzter Verfügbarkeit, von professioneller Verantwortung und von der Fähigkeit, diese Verantwortung später wieder zu teilen.

Ihr zentrales sportwissenschaftliches Argument ist zugleich einfach und anspruchsvoll: Geschlecht kann relevant sein, erklärt aber niemals den ganzen Menschen. Training muss biologische Faktoren berücksichtigen, ohne sie zu Schubladen zu machen. Gute Betreuung braucht wissenschaftliches Wissen, verlässliche Ressourcen und eine Beziehung, in der Athlet:innen mit ihren individuellen Erfahrungen ernst genommen werden.

„Eine gute Mischung ist entscheidend: Wissen, Struktur, Beobachtung und das Gefühl dafür, was ein Mensch in diesem Moment braucht.“