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Interview · Mädchensport · Verein

„Es geht darum, einfach man selbst zu sein – und dafür nicht bewertet zu werden.“

Pauline vom Mädchensportverein Mainz über geschützte Bewegungsräume, frühe Geschlechterrollen, soziale Zugangsbarrieren und die Frage, wie Sport zu einem Ort von Selbstwirksamkeit und Begegnung werden kann.

Wer später selbstverständlich trainiert, einen Verein auswählt oder sich in einer Sporthalle sicher bewegt, hatte häufig früh Zugang zu Bewegung, Unterstützung und Wissen über organisierte Sportangebote. Genau an diesem Punkt setzt der Mädchensportverein Mainz e.V. an. Der junge Verein ist aus einem sportpädagogischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz entstanden und möchte besonders Mädchen erreichen, deren Zugang zum organisierten Sport nicht selbstverständlich ist.

Pauline koordiniert die Zusammenarbeit zwischen Universität und Verein. Im Interview mit Fabian Denis für fem*med spricht sie über persönliche Erfahrungen von Unterschätzung, die Bedeutung geschützter Räume, soziale und sprachliche Hürden, Körperbilder und die Vision, Mädchen nicht nur als Teilnehmerinnen, sondern später auch als Vorbilder und Übungsleiterinnen zu gewinnen.

„Wir wollen Räume schaffen, in denen Mädchen stark, laut, ruhig, wild oder zurückhaltend sein können – ohne dafür bewertet zu werden.“

Von einem Universitätsseminar zum Verein

Fabian DenisKannst du dich und deine Rolle im Mädchensportverein kurz vorstellen?

Ich bin seit etwas weniger als einem Jahr beim Mädchensportverein. Aufmerksam geworden bin ich über die Universität, weil dort auch der Ursprung des Vereins liegt. Offiziell wird meine Tätigkeit teilweise als Geschäftsleitung bezeichnet. Ich würde sie eher als Projektkoordination beschreiben.

Der Verein basiert stark auf ehrenamtlichem Engagement. Ich versuche, organisatorische Fäden zusammenzuführen und Projekte weiterzuentwickeln. Das reicht von Förderanträgen und Öffentlichkeitsarbeit über die Ausarbeitung von Konzepten bis zur Unterstützung in den praktischen Angeboten.

Fabian DenisWie ist aus dem Seminar ein realer Verein geworden?

Die Idee entstand in einem Mastermodul im Lehramtsstudium. Die Studierenden beschäftigten sich mit der Frage, wo in der Sportwissenschaft und Sportpraxis Ungleichheiten bestehen und welche Initiativen fehlen. Dabei rückten Frauen und Mädchen schnell in den Mittelpunkt.

Zunächst wurde ein theoretisches und sportpädagogisches Konzept entwickelt: Warum gibt es einen Bedarf? Welche Zugänge fehlen? Wie könnten Angebote aussehen? Einige Seminarteilnehmende wollten es anschließend nicht bei einem Konzept belassen und gründeten den Verein. Dadurch sind wissenschaftliche Reflexion und praktische Umsetzung von Beginn an miteinander verbunden.

Warum ein eigener Raum notwendig sein kann

Fabian DenisWas hat dich persönlich motiviert, dich für Mädchen im Sport einzusetzen?

Ich beschäftige mich grundsätzlich gerne mit Fragen von Ungleichheit. Gleichzeitig kenne ich Situationen aus dem eigenen Sport, in denen ich als Frau zunächst unterschätzt wurde. Beim Volleyball wurde mir teilweise weniger zugetraut oder seltener der Ball zugespielt, obwohl Männer auf dem Feld ein niedrigeres Spielniveau hatten. Erst später kam dann die überraschte Reaktion: Du spielst ja richtig gut.

Solche Erfahrungen zeigen, wie früh Erwartungen wirken können. Deshalb finde ich es wichtig, Mädchen zu vermitteln: Ihr seid stark, ihr könnt Fußball spielen, ihr dürft laut sein, rennen und Raum einnehmen. Ein geschützter Raum soll ermöglichen, diese Seiten auszuprobieren, ohne vorher beweisen zu müssen, dass man dazugehört.

Fabian DenisWas versteht ihr unter einem geschützten Raum?

Für uns ist das ein Raum, in dem Geschlechterklischees möglichst in den Hintergrund treten. Es ist nicht entscheidend, ob ein Mädchen ruhig und zurückhaltend oder wild, laut und dominant ist. Es soll sich so bewegen und zeigen dürfen, wie es in diesem Moment möchte.

Das Wort Bewertung ist dabei zentral. Viele Mädchen lernen früh, sich selbst aus der Perspektive anderer zu betrachten: Bin ich gut genug? Sehe ich beim Sport richtig aus? Bin ich zu laut oder zu unsportlich? Ein geschützter Bewegungsraum versucht, diese permanente Bewertung zu reduzieren.

„Es geht darum, sich so zu entfalten, wie man möchte – und dafür nicht bewertet zu werden.“

Wenn Kinder selbst benennen, dass sie sich nicht wohlfühlen

Fabian DenisGab es eine Situation, in der euch die Notwendigkeit eines Mädchenraums besonders deutlich wurde?

Bei einem Open Sunday waren auch Jungen willkommen, weil das Angebot grundsätzlich für Kinder im Stadtteil offen sein sollte. Zwei etwa sieben- oder achtjährige Mädchen kamen zu uns und sagten, dass sie sich wegen einiger sehr lauter und dominanter Jungen unwohl fühlten.

Das war für uns wichtig, weil wir vorher selbst überlegt hatten, ob eine eigene Mädchenzeit vielleicht übertrieben wäre. Die Mädchen konnten aber sehr klar benennen, dass sie sich gerade nicht sicher und nicht wohl fühlten. Daran sieht man, dass geschlechtliche Dynamiken schon von jüngeren Kindern wahrgenommen werden.

Niedrigschwellige Angebote statt frühem Leistungsdruck

Fabian DenisWelche Angebote macht der Verein konkret?

Zum Zeitpunkt des Gesprächs waren wir vor allem an Grundschulen aktiv und boten unterschiedliche AGs für Mädchen an. Lehrkräfte können dabei helfen, Mädchen anzusprechen, die bislang wenig Zugang zum Sport haben. Die Stunden sind nicht auf eine einzige Sportart festgelegt: Wir gehen nach draußen, probieren Rollen und Skaten aus, spielen Fang- oder Ballspiele und orientieren uns an den Interessen der Gruppe.

Hinzu kommen der Open Sunday und Schnupperangebote mit lokalen Sportvereinen. Geplant waren außerdem Tanz, Yoga und ein Buddy-Projekt. Dabei begleitet eine Übungsleiterin ein Mädchen möglichst persönlich, lernt die Familie kennen und geht gemeinsam mit ihr zu einem Schnuppertraining oder Bewegungsangebot. Das ist aufwendig, kann aber genau die Hürde verkleinern, an der ein Kind sonst nicht weiterkommt.

Fabian DenisWoran merkt ihr, dass ein Angebot etwas verändert?

Ein Erfolg muss nicht sofort bedeuten, dass ein Mädchen dauerhaft in einem Verein bleibt. Manchmal ist es schon bedeutsam, wenn es eine neue Bewegung ausprobiert oder sich selbst anders erlebt. Wir hatten Teilnehmerinnen, die nach einem Schnupperangebot tatsächlich in ein reguläres Vereinstraining gegangen sind.

Besonders eindrücklich sind kleine Situationen: Wenn ein Mädchen eine schwierige Kletterstation als Erste bewältigt und wir ihr spiegeln, dass sie stark, mutig und schnell war, sieht man oft direkt das Strahlen. Wörter wie stark oder mutig werden gesellschaftlich noch häufig eher Jungen zugeschrieben. Sie bewusst auch für Mädchen zu verwenden, kann ihr Selbstbild erweitern.

Zugang ist mehr als eine Mitgliedsgebühr

Fabian DenisWarum finden manche Mädchen schwerer Zugang zum organisierten Sport?

Ein Teil liegt in gesellschaftlichen Zuschreibungen. Mädchen werden häufiger Hobbys nahegelegt, die als kreativ, ruhig oder angepasst gelten. Wenn ein Junge sportlich ist, erscheint das vielen selbstverständlich. Wenn ein Mädchen sportlich ist, wird es teilweise noch als überraschend kommentiert.

Hinzu kommen strukturelle Unterschiede. In manchen Teamsportarten stehen Jungenmannschaften früher eigene Kabinen, Fahrmöglichkeiten, Trainingszeiten oder mehr Personal zur Verfügung, während Mädchenangebote fehlen oder schlechter ausgestattet sind. Welche Möglichkeiten bestehen, hängt außerdem stark von Sportart, Verein und Standort ab.

Daneben gibt es Barrieren, die nichts mit sportlichem Talent zu tun haben: Kosten, Wege, Sprache, fehlende Informationen und die Frage, ob die Familie das deutsche Vereinssystem kennt. Wer selbst im Verein aufgewachsen ist, weiß meist, wie Anmeldung, Probetraining und regelmäßige Termine funktionieren. Für andere Familien ist dieses Wissen nicht selbstverständlich.

Fabian DenisWie versucht ihr, diese Hürden zu verkleinern?

Wir gehen dorthin, wo Kinder und Familien bereits sind: in Schulen und den Sozialraum. Informationen sollen visuell und in einfacher Sprache zugänglich sein. Kostenfreie Angebote und die Zusammenarbeit mit Schulen reduzieren weitere Schwellen.

Wichtig ist uns, keine defizitorientierten Gruppen zu konstruieren. Wir möchten nicht ein Angebot schaffen, das Kinder als „arm“, „fremd“ oder „förderbedürftig“ markiert. Der gemeinsame Ausgangspunkt ist, dass Mädchen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen zusammenkommen. Einige kennen Vereine bereits, andere nicht. Daraus können Freundschaften, gegenseitige Unterstützung und neue Wege in den Sport entstehen.

Intersektional denken, ohne Kinder auf Kategorien zu reduzieren

Fabian DenisWas bedeutet eine intersektionale Perspektive für eure Arbeit?

Geschlecht wirkt nicht unabhängig von anderen Lebensbedingungen. Finanzielle Möglichkeiten, Wohnort, Sprache, familiäre Sporterfahrungen sowie Migrations- oder Fluchterfahrungen können beeinflussen, ob ein Angebot erreichbar und verständlich ist. Diese Faktoren treffen bei jedem Kind anders zusammen.

Intersektional zu arbeiten bedeutet deshalb nicht, immer neue getrennte Zielgruppen zu produzieren. Es bedeutet, Angebote so zu gestalten, dass unterschiedliche Mädchen tatsächlich teilnehmen können. Beim Open Sunday entsteht diese Begegnung auch über die Kinder hinaus: In einem begleitenden Elterncafé können Familien ins Gespräch kommen, die sich im Alltag vielleicht nur flüchtig begegnen.

Körperbilder, Scham und Schulsport

Fabian DenisWelche Rolle spielen Körperbild und Scham?

Ich glaube, dass das gerade für Mädchen ein großes Thema ist. Soziale Medien und klassische Sportbilder können die Vorstellung verstärken, sportlich zu sein bedeute zugleich schlank, kontrolliert und attraktiv auszusehen. Dabei gibt es sehr unterschiedliche sportliche Körper und Leistungsformen.

Deshalb sind Angebote wichtig, in denen es nicht um eine glänzende Leistung oder die Bewertung des Körpers geht. Jeder Körper darf sich bewegen. Aus meiner eigenen Schulzeit kenne ich die starke Trennung zwischen den sehr sportlichen Schülerinnen mit Vereinsjacke und denen, denen der Sportunterricht so unangenehm war, dass sie versuchten, nicht teilnehmen zu müssen.

Pubertät, Menstruation, Umkleiden und Schwimmen können zusätzliche Scham auslösen. Eine allgemeingültige Lösung, etwa immer getrennten oder immer gemeinsamen Unterricht, gibt es für mich nicht. Entscheidend ist, dass Lehrkräfte die Erfahrungen der Schülerinnen ernst nehmen und Räume nicht so gestalten, als seien alle Körper und Situationen gleich.

Fabian DenisWelche Wirkung haben mediale Sportbilder?

Männliche Athleten werden häufig in kraftvollen Siegerposen, in Bewegung oder mit sichtbarer Anstrengung dargestellt. Bei Sportlerinnen liegt der Fokus dagegen oft stärker auf Ästhetik, Lächeln, Kleidung oder Körper. Kinder lernen aus solchen Bildern, welche Formen von Stärke und Sichtbarkeit für sie vorgesehen scheinen.

Wenn Mädchen vor allem Sportlerinnen sehen, die trotz Anstrengung makellos aussehen sollen, kann die Botschaft entstehen: Beim Sport darf ich nicht schwitzen, laut sein oder die Kontrolle verlieren. Mehr vielfältige Vorbilder würden zeigen, dass sportliche Kompetenz, Freude, Körper und Ausdruck sehr unterschiedlich aussehen können.

Offenheit hilft nicht nur Mädchen

Fabian DenisWarum ist Aufklärung über Körper, Gesundheit und Geschlechterrollen so wichtig?

Im Sport bleibt noch vieles unausgesprochen. Menschen berichten möglicherweise nicht von schlechten Erfahrungen, weil sie negative Folgen für ihre Stellung, ihre Karriere oder ihren Ruf befürchten. Kommunikation kann Scham reduzieren und dafür sorgen, dass individuelle Bedürfnisse früher erkannt werden.

Davon profitieren nicht nur Mädchen und Frauen. Auch Jungen und Männer stehen unter engen Erwartungen, etwa immer stark, souverän und heterosexuell wirken zu müssen. Ein offenerer Sport kann unterschiedliche Körper, Emotionen, sexuelle Orientierungen und Lebensweisen sichtbarer machen, ohne daraus eine Besonderheit oder ein Risiko für die Karriere zu konstruieren.

Von einzelnen Angeboten zu langfristigen Sportbiografien

Fabian DenisWas müsste sich gesellschaftlich verändern?

Es braucht weiterhin Aufklärung und öffentliche Aufmerksamkeit. Die Aussage, heute sei bereits alles gleichberechtigt, verdeckt Unterschiede in Wahrnehmung, Ressourcen und Förderung. Strukturen verändern sich auch dadurch, dass Sportlerinnen ihre Erfahrungen öffentlich machen und Institutionen daraus Konsequenzen ziehen.

Der Verein möchte deshalb möglichst früh ansetzen, perspektivisch auch in Kitas und weiterführenden Schulen. Geschlechterstereotype entstehen nicht erst im Leistungssport. Sie beeinflussen schon früh, welches Spielzeug, welche Bewegung und welches Auftreten Kindern zugetraut werden.

Fabian DenisWelche Vision habt ihr für die nächsten Jahre?

Wir möchten mehr Angebote schaffen und Mädchen in unterschiedlichen Altersphasen erreichen. Ein besonderer Wunsch ist, jugendliche Mädchen einzubinden, die später selbst kleinere Angebote leiten können. Ein geringer Altersabstand kann sie für jüngere Kinder zu besonders erreichbaren Vorbildern machen.

Langfristig soll der Verein dazu beitragen, dass mehr Mädchen eine eigene Sportbiografie entwickeln – nicht unbedingt im Leistungssport, sondern als selbstverständlichen Teil ihres Lebens. Entscheidend ist, dass aus Zustimmung auch nachhaltige Unterstützung wird: Räume, Personal, Finanzierung und verlässliche Kooperationen.

Fabian DenisWas möchtest du Mädchen abschließend mitgeben?

„Sei, wie du bist, und fühl dich nicht schwächer im Sport, nur weil du ein Mädchen bist.“