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Interview · Basketball

„Wir sind noch meilenweit hinterher.“

Svenja Brunckhorst über 26 Jahre Basketball, den Olympiasieg als Abschluss eines langen Weges, fehlende Athletikförderung, Zykluswissen, Scham, Ressourcen und Familienplanung im Frauenleistungssport.

Vom ersten Länderspiel bis zum Olympiasieg: Svenja Brunckhorst blickt auf eine 26-jährige Basketballkarriere zurück. Heute bringt sie ihre Erfahrungen in die Entwicklung des Mädchen- und Frauensports bei ALBA BERLIN ein. Im Gespräch mit Fabian Denis für fem*med verbindet sie die Perspektive einer ehemaligen Athletin mit der einer Managerin: Sie spricht über den Wert von Teamsport und Verantwortung, über einen Körper, der in jungen Jahren kaum auf Leistungssport vorbereitet wurde, über den schwierigen Umgang mit Menstruationszyklus und Scham sowie über die strukturelle Frage, wer im Sport Zugang zu Athletiktraining, medizinischer Betreuung und langfristiger Absicherung erhält.

„Der Olympiasieg steht natürlich über allem. Aber wenn man 26 Jahre Sport macht, dann muss man diesen ganzen Kosmos sehr lieben.“

Karriere, Team und Verantwortung

Fabian DenisWenn du auf deine Karriere zurückblickst: Was bleibt dir besonders in Erinnerung?

Der Olympiasieg ist natürlich das sichtbarste und schönste Ergebnis. Wenn ich ein einzelnes Erlebnis auswählen müsste, wäre es dieser Erfolg. Gleichzeitig habe ich den Sport davor 26 Jahre lang gemacht. Ohne diese eine große Bühne und ohne zu wissen, dass am Ende ein Olympiasieg stehen würde. Wenn man etwas so lange macht, muss man es wirklich lieben.

Für mich war Teamsport immer etwas Besonderes: Menschen kennenlernen, Länder erleben, sich austauschen und gemeinsam Sport machen. Vom ersten Länderspiel bis zum Olympiasieg gab es viele Turniere und viele wichtige Momente. Deshalb lässt sich die Karriere für mich nicht auf einen einzigen Erfolg reduzieren.

Meine Laufbahn war auch nicht „picture perfect“. In Deutschland war ich erfolgreich und lange Teil der Nationalmannschaft, aber international gab es immer wieder Grenzen. Dass mir das letzte Turnier all die harte Arbeit, die vielen Stunden, die schlechte Bezahlung und die persönlichen Opfer gegenüber Familie, Freundschaften und Partnerschaften noch einmal zurückgegeben hat, war für meinen Abschluss sehr wertvoll. Ich konnte ohne Bedauern aufhören. Das war für mich das perfekte Ende.

Fabian DenisWelche Menschen oder Rollen haben dich dabei geprägt?

Mich haben immer starke Frauen beeindruckt, die anders waren, Dinge angesprochen und Veränderungen angestoßen haben – nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch darüber hinaus. Das hat mich teilweise mehr beeindruckt als die reine sportliche Leistung.

Deshalb bin ich auch in meiner Rolle als Kapitänin aufgegangen. Ich wollte nicht nur auf mein eigenes Spiel schauen, sondern auf das große Ganze. Die Verbindung zwischen Team, Coaches, Vereinen, Sponsoren und Fans hat mir immer viel gegeben. Verantwortung zu übernehmen und mit den verschiedenen Beteiligten zu kommunizieren, war für mich ein wichtiger Teil des Sports.

„Mein Körper war null trainiert auf Leistungssport.“

Fabian DenisHattest du das Gefühl, dass Training und Belastungssteuerung auf deinen Körper abgestimmt waren?

Überhaupt nicht. Ich komme aus einer kleinen Stadt, in der Athletiktraining und viele andere leistungsrelevante Faktoren kein Thema waren. Erst als ich mit 17 oder 18 Jahren nach Freiburg wechselte, machte ich zum ersten Mal richtiges Krafttraining und verstand, wie ein körperlicher Leistungsaufbau überhaupt funktioniert.

Ich war sehr talentiert, aber mein Körper war nicht auf Leistungssport vorbereitet. Das war mein großes Manko. Ich hatte viele kleinere Verletzungen, und aus meiner Sicht hing das auch damit zusammen, dass vorher kaum ein Fokus auf Athletik und körperliche Vorbereitung gelegt worden war.

Wenn ich heute sehe, wie Spielerinnen bei ALBA schon im U14- oder U16-Bereich betreut werden, ist das ein enormer Unterschied zu meiner eigenen Entwicklung. Die Professionalisierung in diesem Bereich gehört für mich zu den größten Veränderungen im Frauensport. Gleichzeitig ist dieser Standard nicht überall Realität.

Fabian DenisWas macht eine gute Struktur im Nachwuchs für dich aus?

Es geht nicht nur darum, ob ein Kraftraum vorhanden ist. Entscheidend ist das gesamte Umfeld: Athletiktraining, Physiotherapie, Sportpsychologie, medizinische Betreuung und eine kontinuierliche Begleitung im Alltag. ALBA ist in diesem Bereich im Nachwuchs sehr gut aufgestellt, auch wenn es selbst dort noch Entwicklungspotenzial gibt.

Bei vielen anderen Standorten sind die Unterschiede deutlich. Teilweise arbeiten Vereine mit sehr kleinen, stark ehrenamtlich getragenen Teams, während andernorts ein großer Staff zur Verfügung steht. Für junge Athletinnen entstehen dadurch völlig unterschiedliche Entwicklungsbedingungen.

Zykluswissen: zwischen Tabu und Trainingspraxis

Fabian DenisWurden Menstruationszyklus, Regeneration und individuelle Bedürfnisse während deiner Karriere berücksichtigt?

Lange Zeit überhaupt nicht. In der Nationalmannschaft wurde der Zyklus irgendwann getrackt, aber erst relativ spät in meiner Karriere. Ich hatte persönlich das Glück, kaum Beschwerden zu haben. Gleichzeitig kannte ich viele Spielerinnen, für die Menstruationsbeschwerden ein großes Hindernis waren – auch weil das Thema nicht angesprochen wurde.

Heute ist das Bewusstsein größer, aber die Umsetzung bleibt schwierig. Bei ALBA ist Zyklus-Tracking im Profiteam etabliert und wird über eine App sowie in Zusammenarbeit mit dem Athletikbereich begleitet. Für den Nachwuchs ist das sensibler, unter anderem weil viele Spielerinnen minderjährig sind und die Bereitschaft zur Teilnahme unterschiedlich ist.

Gerade im Mannschaftssport lässt sich das Training nicht vollständig an jede individuelle Zyklusphase anpassen. Im Krafttraining oder in präventiven Einheiten kann man eher reagieren. Im Wettkampf mit hoher Spiel- und Reisedichte ist das viel schwieriger. Deshalb gibt es aus meiner Sicht keinen perfekten, pauschalen Weg. Entscheidend sind Sensibilisierung, Kommunikation und die Bereitschaft, Signale ernst zu nehmen.

„Wenn eine Spielerin sagt: Es geht heute nicht, dann muss das ernst genommen werden. Sie kennt ihren Körper selbst am besten.“

Fabian DenisWelche Rolle spielt das Körperwissen der Athletinnen selbst?

Eine sehr große. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, in welcher Phase ich mich befinde, was ich brauche und wie Training, Wettkampf, Ernährung, Regeneration und mentale Verfassung zusammenhängen. Das ist nicht nur eine Aufgabe der Trainerinnen und Trainer. Athletinnen müssen ihren Körper selbst kennenlernen und lernen, darüber zu kommunizieren.

In den letzten Jahren meiner Karriere konnte ich das besser umsetzen. Im 3x3-Basketball war die Zusammenarbeit durch den kleinen Kader besonders eng. Als ich das Gesamtbild aus Ernährung, Körper, mentaler Verfassung, Trainings- und Wettkampfphase besser verstand und aktiv mit meinem Umfeld kommunizierte, verbesserte sich auch meine Performance.

Scham, Kommunikation und männlich geprägte Trainerstrukturen

Fabian DenisWarum ist der Zyklus im Sport weiterhin so schwer anzusprechen?

Es hat sehr viel mit Scham zu tun. Wenn ein Thema kaum vorkommt, steht es wie ein Elefant im Raum, aber niemand weiß, wie es angesprochen werden soll.

Ich hatte in meiner gesamten Karriere nur zwei weibliche Trainerinnen. Wenn du 13, 14 oder 15 Jahre alt bist, deinen Körper selbst noch nicht verstehst und mit einem männlichen Trainer über Menstruation oder Beschwerden sprechen sollst, ist das nicht automatisch einfach. Vielleicht gab es vorher schon eine unangenehme Erfahrung oder du schämst dich ohnehin. Deshalb braucht es Sensibilisierung – bei Frauen, Männern und allen Personen, die im weiblichen Sport arbeiten.

Eine regelmäßige Menstruation kann außerdem ein wichtiges Gesundheitssignal sein. Wenn sie ausbleibt, können Stress, Unterversorgung oder andere körperliche Faktoren eine Rolle spielen. Deshalb sollte der Zyklus nicht nur als Hindernis wahrgenommen werden, sondern als relevanter Bestandteil von Gesundheit.

Verletzungen nicht nur biologisch erklären

Fabian DenisWerden Verletzungen bei Frauen anders bewertet als bei Männern?

Bei einer akuten Verletzung wie dem Umknicken ist das Geschlecht zunächst nicht entscheidend. Gleichzeitig gibt es Verletzungsmuster, bei denen Frauen statistisch häufiger betroffen sind, etwa beim vorderen Kreuzband. Für mich gehört deshalb inzwischen zur Frage nach einer Verletzung auch der Blick auf den Kontext: In welcher Belastungsphase befand sich die Spielerin? Wie war das Training? Welche individuellen Faktoren kamen zusammen?

Ich finde es wichtig, Verletzungen ganzheitlich zu betrachten. Das Spiel hat sich enorm schnell entwickelt, aber die körperlichen Strukturen und die Trainingsbedingungen sind nicht überall im gleichen Tempo mitgewachsen. Wenn Athletinnen nicht dieselben Voraussetzungen, dieselbe frühe Förderung oder dieselbe medizinische Betreuung erhalten, kann man Verletzungen nicht ausschließlich mit Biologie erklären.

Zugleich muss man vorsichtig sein, aus einzelnen Beobachtungen direkte Ursachen abzuleiten. Tracking kann helfen, mögliche Muster zu erkennen und Themen auf die Agenda zu setzen. Es ersetzt aber keine differenzierte medizinische und sportwissenschaftliche Einordnung.

„Wir sind noch meilenweit hinterher.“

Fabian DenisWie beurteilst du die strukturellen Bedingungen im Frauenbasketball?

Es entwickelt sich viel, aber wir sind noch meilenweit hinterher. Nicht einmal jeder Verein in der ersten Frauen-Bundesliga verfügt über eine vollzeitbeschäftigte Athletiktrainerin, einen Athletiktrainer oder eine umfassende physiotherapeutische Begleitung. Wenn diese Strukturen schon in der höchsten nationalen Liga nicht flächendeckend vorhanden sind, kann man sich vorstellen, wie es in vielen Nachwuchsbereichen aussieht.

Es fehlt nicht nur an Krafträumen, sondern an Medical Staff, Sportpsychologie, kontinuierlicher Betreuung und bezahlten Fachstellen. Viele Menschen sind offen für diese Themen und würden gern mehr umsetzen. Häufig scheitert es jedoch an Geld und Personal. Professionelle Expertise hat einen Wert und muss entsprechend finanziert werden.

Fabian DenisWas möchtest du aus deiner Managementperspektive verändern?

Das Ziel muss sein, dass eine bestimmte Betreuungsqualität nicht jedes Mal neu erkämpft werden muss. Ab einem bestimmten Leistungs- und Altersniveau sollten Athletiktraining, sportpsychologische Unterstützung und medizinische Begleitung selbstverständlich sein.

ALBA ist bereits sehr gut aufgestellt, aber auch hier gibt es Potenzial – besonders bei der regelmäßigen Begleitung unter der Woche und im jüngeren Nachwuchs. Als Ausbildungsverein darf man nicht nur über Entwicklung sprechen, sondern muss die dafür nötigen Strukturen aufbauen.

Gleichzeitig wollen wir nicht nur innerhalb des eigenen Standorts ein Vorbild sein. Gute Standards sollten sichtbar gemacht und Wissen sollte weitergegeben werden, damit auch andere Vereine Strukturen entwickeln können. Langfristig darf die Frage nicht lauten, ob solche Angebote nötig sind. Sie sollten zum Standard gehören.

Finanzierung, Wertschätzung und Sport als gesellschaftliche Aufgabe

Fabian DenisWas ist aus deiner Sicht die größte Herausforderung im Frauensport?

Sehr häufig sind es Ressourcen. Nicht, weil niemand Interesse hätte oder Veränderungen ablehnt, sondern weil Vereinen das Geld fehlt, qualifizierte Athletiktrainerinnen, Athletiktrainer, Physiotherapeutinnen, Physiotherapeuten oder weiteres Fachpersonal angemessen zu bezahlen.

Bei Nachwuchsveranstaltungen wird der Unterschied besonders sichtbar: Auf der einen Seite stehen männliche Nachwuchsteams aus professionell ausgestatteten Strukturen, auf der anderen Seite Frauen- und Mädchenteams, die teilweise viel stärker von Ehrenamt und kleinen Organisationsstrukturen abhängig sind. Diese Unterschiede sind keine Nebensache; sie bestimmen, welche Entwicklung möglich ist.

Sport müsste gesellschaftlich stärker verankert werden. Medaillen und internationale Erfolge werden erwartet, aber bei langfristigen Investitionen an der Basis wird häufig gespart. Auch die finanzielle Anerkennung von Spitzenleistungen und die berufliche Absicherung vieler Athletinnen stehen aus meiner Sicht in keinem angemessenen Verhältnis zu den Erwartungen.

Forschungslücken sichtbar machen

Fabian DenisWelche Rolle spielt Aufklärungsarbeit über den Gender Data Gap?

Viele Menschen handeln nicht absichtlich diskriminierend. Häufig wissen sie schlicht nicht, dass bestimmte Erkenntnisse überwiegend aus Studien mit Männern stammen. Sie sehen eine Studienlage und gehen automatisch davon aus, dass Frauen und Männer gleichermaßen untersucht wurden.

Deshalb müssen diese Lücken immer wieder angesprochen werden. Aufklärung ist besonders wichtig, wenn junge Athletinnen ihren Körper erst kennenlernen. Je früher Gesundheit, Zyklus, Regeneration und individuelle Bedürfnisse selbstverständlich thematisiert werden, desto leichter kann ein offener Umgang entstehen.

Intersektionalität, Privilegien und unterschiedliche Ausgangsbedingungen

Fabian DenisWie beeinflussen Herkunft, Hautfarbe, soziale Bedingungen und Rassismus die sportliche Entwicklung?

Ich finde es schwierig, aus einer Erfahrung zu sprechen, die ich selbst nicht gemacht habe. Deshalb kann ich vor allem das wiedergeben, was andere Menschen berichten und was wir in der Praxis beobachten.

Bei ALBA arbeiten wir in unterschiedlichen Berliner Kiezen. Kinder und Jugendliche beginnen dort mit sehr unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen. Diese Unterschiede sind sichtbar. Gleichzeitig berichten Menschen von Rassismuserfahrungen, die den Zugang zum Sport und die sportliche Entwicklung zusätzlich erschweren können.

Mir ist bewusst, dass ich als privilegierte weiße Frau bestimmte Erfahrungen nicht gemacht habe. Schon der Weg als Frau im Leistungssport kann schwierig sein. Wenn weitere Formen der Benachteiligung hinzukommen, können sich Hürden verstärken. Gerade deshalb sollte man Frauenförderung nicht isoliert denken, sondern unterschiedliche Lebensrealitäten, soziale Herkunft und Rassismus mit einbeziehen.

Sprechen, handeln und Verantwortung übernehmen

Fabian DenisWas möchtest du jungen Athletinnen und anderen Menschen im Sport mitgeben?

Ich habe keinen einzelnen Spruch. Mir ist aber wichtig: Wenn man das Gefühl hat, etwas sagen zu wollen, wenn man die Möglichkeit und ein unterstützendes Umfeld hat und keine negativen Folgen durch ein Machtverhältnis befürchten muss, sollte man Dinge offen und ehrlich ansprechen.

Veränderung braucht Menschen, die vorangehen. Und manchmal ist der wichtigste Schritt: einfach anfangen und machen.

Familienplanung darf kein Karriereende bedeuten

Fabian DenisWelches Thema bekommt im Frauenleistungssport noch zu wenig Aufmerksamkeit?

Familienplanung ist für mich eines der großen Themen. Lange wurde eine Schwangerschaft praktisch als Ende der Karriere gedacht. Gleichzeitig ist die Zeit im Leistungssport ohnehin kurz und sportartspezifisch begrenzt.

Es stellen sich viele Fragen: Was passiert während Schwangerschaft und Mutterschutz? Wie sicher sind Verträge? Bleibt ein Kaderplatz erhalten? Gibt es danach noch ein Team? Viele Athletinnen haben ihren Kaderstatus oder Vertragsmöglichkeiten verloren. Das schafft eine enorme Unsicherheit.

Das Berufsbild der Spitzen- und Leistungssportlerin muss langfristig mit Familienplanung vereinbar werden. Dafür braucht es verlässlichere rechtliche, finanzielle und organisatorische Strukturen – und mehr Forschung.

Schluss

Das Gespräch mit Svenja Brunckhorst zeigt, wie eng sportliche Leistung mit Körperwissen, sozialer Umgebung und institutionellen Ressourcen verbunden ist. Ihre Perspektive verbindet persönliche Erfahrungen aus 26 Jahren Leistungssport mit dem Blick einer Verantwortlichen, die Strukturen verändern möchte. Gesundheit erscheint dabei nicht als private Aufgabe einzelner Athletinnen, sondern als gemeinsame Verantwortung von Training, Vereinen, Verbänden, Wissenschaft und Politik.